Doch das ist nichts gegen den Blödsinn, der zum selben Merkelbesuch auf der Titelseite verbreitet wurde. Schließlich wurde Ihnen auch noch ein Märchen als Tatsache verkauft. Und so kommt Aufschreiberei zustande, wie eh und je, journalismusfrei.
Die Schlagzeile auf der Titelseite:
Greifswald: Merkel setzt auf KernfusionKlar, das Weltklima retten wollte sie auch.
Das ist Leserverblödung, denn Merkel setzt auf Atomenergie (Verlängerung der Laufzeiten) und Energie aus der Verbrennung von Kohle. Das hatte sie u.a. 2007 auf Rügen bewiesen, als sie den CDU-Mitgliedern auf der Insel einredete, die Giftschleuder am Bodden sei total wichtig und würde überhaupt nicht giftig sein. Nun, da die Giftschleuder wohl nicht gebaut wird, wird Deutschland mangels Energie zugrunde gehen müssen. Ich werde sicherheitshalber einen Dynamo auf dem Klo installieren.
Den gesamten ersten Absatz über versuchte der Redaktionsbenjamin den Eindruck zu erwecken, der Chef des Wendelstein-Projektes sei ein Hosenschisser, der wegen des Zusammentreffens mit der Kanzlerin aufgeregt sei, als sei der Chef ein Kindergartenkind:
Professor Thomas Klinger gibt sich gelassen. „Nein, ich bin nicht aufgeregt.“ Er habe schon vor 1500 Leuten gesprochen. In wenigen Minuten soll Klinger es vor der Bundeskanzlerin tun. So ganz will man dem wissenschaftlichen Leiter seine Coolness jedoch nicht glauben — schließlich gibt er zu: Aber Frau Merkel, das zählt ungefähr genauso viel wie vor 10 000 Menschen.“ Als sie da ist, mimt Klinger bravurös den wortgewandt-witzigen Physiker, nur die leichte Unruhe in seinen Beinen verrät ihn eben doch. ...Der Redaktionsbenjamin in Greifswald schrieb dies ans Artikelende:
Randnotiz: Für Zähneknirschen in der Landesregierung sorgte die Begleitung der Kanzlerin. Sie bestand ... ausschließlich aus CDU-Ministern. Landesvater Erwin Sellering (SPD) sei nach Angaben der Staatskanzlei nicht eingeladen worden. Regierungssprecher Andreas Timm: „Wir haben von diesem Termin nur aus den Medien erfahren.“ Sellering wollte den Vorgang auf OZ-Anfrage nicht weiter kommentieren.So einen Käse fragt die OZ nach - einfach lächerlich. Die wichtigen Dinge im Lande bleiben dagegen unbefragt.
Das Zähneknirschen ist eine Erfindung des Autors, andererseits eine Unterstellung. Soll diese Spinnerei kritischer Hochwertjournalismus sein?
Die OZ vergaß natürlich ganz, dies zu erwähnen:
Radioaktiver Abfall entsteht auch bei der Kernfusion durch Neutronenstrahlung, jedoch sind die Halbwertszeiten niedriger als bei der Kernspaltung.
Wie weit weg die Nutzung der Kernfusion noch ist, können Sie übrigens ermessen, wenn Sie hier das Technische zum Wendelstein-Experiment nachlesen. Noch ist es reine Grundlagenforschung. Merkel, die darauf laut OZ-Schlagzeilenschmied setzt, ist längst tot, falls tatsächlich die Kernfusion als Energiequelle Standard werden sollte.Merkel war auch Gast während des Neujahrsempfanges des Provinz-CDU in der sanierten Greifswalder Stadthalle. Das einzige, was mich daran interessiert hätte, wäre ich Greifswalder? Jedenfalls nicht das Bonzengequatsche, das die Greifswalder Zeitung wiedergab und wer der Merkel vorturnte. Mich hätte interessiert, wie hoch die Saalmiete für die Veranstaltung war und wie die CDU sie aufbrachte. Kein Wort darüber in der OZ.
Stattdessen:
Drei Erinnerungen für Angela: Bildband, Seife, KerzenUnter anderem mit diesem
In Merkels Ansprache ging es dann um die große Bundespolitik und die christdemokratischen Werte bei der sozialen Marktwirtschaft: Leistung muss sich lohnen, jedes Mitglied des Gesellschaft darf nicht nur fordern, sondern hat auch eine Bringepflicht. Merkels Vorzug: Sie spricht frei und kann Politikerdeutsch so erklären, dass es auch Otto Normalverbraucher versteht.Häh? Das ist reiner Kommentar der Autorin. Ich kenne die Kanzlerin als Um-den-heißen-Brei-Herumrednerin, als Verschweigerin und als Lügnerin.
Davon schwärmte Jörg Hochheim, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Finanzen: „Ich bewundere jeden, der ohne einen Blick aufs Papier so losreden kann.“Das ist ja wenigstens ein wenig interessant: Wer am besten schwätzen kann, wird von dem Mann bewundert. Dass die Kanzlerin überall dieselben Phrasen drischt, also trainiert ist, scheint dem Mann entgangen zu sein. Das bewundert er?
Auch Bürgerschaftsmitglied Mechthild Thonack war begeistert: „Sie kann richtig gut die Zusammenhänge erklären. Hängt wahrscheinlich mit ihrem Beruf als Physikerin zusammen“, sagte sie. Rundum glücklich sah auch Bürgerschaftsmitglied Jürgen Liedtke aus, der gestern seinen 55. Geburtstag feierte.Genau, das wollte ich schon immer wissen.
