30. November 2010

Abgeschrieben und Tratsch gemeldet

Die OZ kann nicht länger verheimlichen, dass es Wikileaks gibt. Noch im Mai verheimlichte sie, woher das Video stammte, das zeigte, wie US-Soldaten Zivilisten im Dutzend ermordeten und verzichtete auf weitere wichtige Informationen zu dem Massenmord.

Erst im Oktober meldete die OZ umfangreich, was Wikileaks über den Irakkrieg veröffentlicht hatte.

Im Februar 2010 hatte Wikileaks ein Gutachten über die Private Krankenversicherung in D. ins Netz gestellt - nichts davon in der OZ; klar, es gab keine Agenturmeldungen zum Kopieren.
Ende 2009 veröffentlichte WikiLeaks wesentliche Bestandteile der Verträge zwischen dem Betreiberkonsortium der Toll Collect GmbH, dem Bundesamt für Güterverkehr und weiteren involvierten Parteien - nichts davon in der OZ. Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen, wenn es eines gibt.

Und nun geriert sich die OZ wie viele andere deutsche Medien als großer Aufklärer über jene Politiker, denen Sie ins Amt geholfen haben oder auch nicht:
Die peinlichen Protokolle
Dabei kopierte die OZ auf Teufelkommraus, denn Eigenes hat das Blatt wie zumeist nicht zu bieten.

Doch worum wird so viel Wind gemacht? Darüber, dass die amerikanische Regierung weiß und etwa eine Million US-Amerikaner wissen können, was für Typen die Regierungshampelmänner in D. und anderswo sind. Wer nicht völlig verblödet ist und ab und zu Fernsehauftritte dieser Politiker erlebt hat, kam längst zu den selben oder ähnlichen Schlüssen. Da gibt es nichts aufzudecken und schon gar nicht eine Seite zu befüllen, außer für die Bunkerbewohner unter der den OZ-Lesern.

Es ist bezeichnend für den Niedergang des deutschen Journalismus (Was am OZ-Journalismus noch niedergehen kann, weiß ich nicht.), dass sich nun die meisten Medien an diesem Charakterisierungsquark hochziehen und sich so als Tratschpostille auszeichnen, ohne auch nur für eine Sekunde in den Originaldokumenten gelesen zu haben. Dass die Masse der Dokumente noch veröffentlicht wird und tatsächlich Wichtiges zu bieten hat, wird nur beiläufig erwähnt.

Hier ein Auszug aus einem taz-Kommentar, ein Gedankengang, den Sie nie und nimmer in der OZ lesen werden; warum nicht, erklärt sich von selbst:

... Richtig sind die Veröffentlichungen mithilfe von Wikileaks trotzdem. Denn sie zwingen die Journalistinnen und Journalisten, ihr Rollenverständnis zu schärfen. Eingeübte Verbandelungen zwischen Meinungsmachern und Politikbetrieb werden problematisch. Das ist die eigentliche Zäsur, die derzeit stattfindet. 
Die Zeiten sind vorbei, in denen nur einige wenige eingeweihte, elitäre Kreise darüber befinden konnten, welche Informationen wann gespielt werden. Also: Weiter so, Wikileaks!

Es ist zu erwarten, dass es bald mindestens ein ähnliche Plattform geben wird und damit Journalisten immer entbehrlicher werden.
Von wegen nur Journalisten können Daten einordnen und so (alle anderen sind zu doof dazu); was dabei herauskam, haben Sie ja in der OZ gelesen: Tratsch.  

Das Netz ist voll von Hinweisen auf die veröffentlichten Papier, z.B. hier.

Hier sind bereits 200 Kommentare geschrieben worden zu einem sehr guten Eintrag zum Thema:

... Welchen Nachrichtenwert können 251.287 Dokumente haben, wenn 50 Redakteure des SPIEGEL ganze fünf Monate über ihnen brüten und dann bei der Veröffentlichung der großen Titelgeschichte nur Belanglosigkeiten publizieren? Es gibt zwei Antwortmöglichkeiten auf diese Frage:
- Die Redakteure verstehen ihren Beruf nicht und die Dokumente enthalten noch einige Überraschungen für findige Rechercheure.
- Die Dokumente sind relativ belanglos und ihre Veröffentlichung als vermeintlicher “Scoop” ist eher ein Marketing-Coup.
Welche Antwort zutrifft, lässt sich erst sagen, wenn die Dokumente wirklich komplett veröffentlicht wurden. ...

Ein paar Auszüge aus den Kommentaren:
Es ist ja ok, dass WL die Dokumente an Partner weitergibt. Auch die fünf Monate stören mich nicht. Was mich stört, ist, dass WL diese Zeit nicht genutzt hat, um die Dokumente gleichzeitig zum Sperrtermin der fünf Partner auch komplett online anzubieten. Warum fängt man damit erst an, wenn die fünf Partner die Informationen schon gefiltert streuen? Das hat mit dem Ideal der Freiheit von Informationen nun aber so überhaupt nichts zu tun.
Das wird getan, damit die versorgten Medien Geld damit machen können, denn sie werden reichlich an Wikileaks gespendet haben.

Es ist banal, es ist langweilig und die ganze Aufmerksamkeit nicht wert.
Hier wird wieder einmal einer Sache Bedeutung beigemessen, die sie Null verdient.
Es ist ein Armutszeugnis für wikileaks.
Was mit wirklich interessanten und wichtigen Informationen begonnen hat, setzt sich jetzt mit dem Geläster irgendwelcher halbgarer Geheimdienstler und Politiker auseinander.
Und die ganze Welt stürzt sich drauf und zeigt damit eigentlich nur, wie armselig auch sie ist.
Wahrscheinlich werden wir demnächst höchst brisante Informationen bekommen, wie oft der Papst am Tag pupst.
Die deutsche Politik  und hervorgehoben die Bundeskanzlerin sollten sich sehr genau im Spiegel dieser Dokumente betrachten und sich von der Illusion einer gekauften Sonderbeziehung zu den USA befreien. 
Das wäre der eigentliche  Nutzen für Deutschland.
 
 
Warum muss es erst gelesen werden auf Dokumenten von Dritten, dass Staaten und Staatsoberhäupter "böses" veranstalten. Es kann doch auch so gesehen und von dritten gelesen werden. Was macht die Doklumente so anders? Ist es weil wir die Mäuse sind die lauschen? 
Wenn man lauscht glaubt man die Wahrheit zu hören. Beim lauschen hört man "richtig" zu. Man ist in der reinen Beobachterperspektive ohne selbst agieren zu müssen. Kann seinen nächsten Zug planen. Es ist auch Macht. Es ist ein kleiner Ausgleich im Machtgefüge. Es ist, als ob das Kind jetzt alt genug ist um unangenehme Fragen zu stellen.
Die direkte Unterhaltung mit der Macht funktioniert wohl nur über "unfaire" Mittel. Deswegen ist es wieder legitim und gut. Es verändert viel.
Ich freue mich über dieses WikiLeaks
Es geht doch darum, dass die 'mächtigste Nation der Erde' sich
so einen Flop leistet, dass von einem 22jährigen hunderttausende von 'staatstragenden mails' abgezweigt werden konnten.

Wenn die auch noch 'banal' sind umso schlimmer!
Würde heissen, dass es garkein 'Herschafftswissen' gibt!
Halte ich schon für revolutionär, dass dieser alte Verdacht sich mal konkretisiert!
Man kann jedoch aus dem Fehlen wirklich brisanter Informationen bei der Veröffentlichung des SPIEGEL bereits ahnen, dass auch der Rest der Dokumente keine großen Sensationen beinhaltet. 

Da sind schon ein paar sehr brisante "Dinger" dabei, z.B. das deutsche Entwicklungshilfe zwecks Stabilisierung und Bewaffnung der De-facto-Regierung in Honduras verwendet wurden.
Oder dass die US-Regierung und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung den honduranischen Putsch unterstützen, ja sogar geplant hatten!
Schade dass das in den Medien nicht thematisiert wird. Dem strahlenden Ritter (Herr Zu, lupe) darf wohl kein Kratzer zugefügt werden.
Erstaunlich, nicht wahr?
Der scharmant grinsende Windei ist doch die ideale Besetzung des Kanzleramtes für das globale Plündererkartell. Der Mann versteht sich bestens in der Machtsubordination und kann sich noch in bester Familientradition auch mitbedienen. Was anderes hat er auch nicht gelernt.

Ein anderes Problem besteht darin, dass nicht alle Depeschen veroeffentlicht wurden oder jemals werden, die Anteile werden nicht genannt.
Interessant ist das zur Vorbereitung des Irakkrieges die Depeschen zwischen Grossbritannien und den USA nicht vorliegen. Das koennte schwerste Innenpolitische Folgen fuer die Briten und hoechstwahrscheinlich auch fuer die Bush Regierung beinhalten. Genauso liegen kaum Informationen vor dem Jahr 2001 vor. 
Fuer mich werfen sich durchaus eine Menge Fragen auf: Warum hat die Spiegelpresse nur Diplomaten-Celebrity-News veroeffentlicht? Was ist mit der Schroeder/Fischer Regierung? Was mit dem Engagement der beiden im Pipelinebau? Hat sich jemand die Muehe gemacht Teile der NY-Times Veroeffentlichung anzuschauen, da ist ein sehr interessanter Kurzbeitrag ueber die Verfolgung von CIA Mitarbeitern durch deutsche Sicherheitsbehoerden. 
Wieso sind die Depeschen soviel harmloser als die Darstellung und die Recherchen der US Aussenpolitk in Noam Chomsky's Buch 'Hegemonie oder Ueberleben'?
Kurzum vielwiel ist gefiltert worden, durch die  Medienpartner und ihren Absprachen mit der US Regierung?
 
 
Wenn die heutige Journaille hauptsächlich Boulevard kann, ist doch nur schlüssig, dass unter diesem Gesichtspunkt auch Informationen aus dem Wust der cables herausgepickt werden. Keine Überraschung.
Wer sich die Mühe gemacht hat, die bisher veröffentlichen cables selbst zu lesen, kann sie nicht ernsthaft für belanglos halten. Dies ist natürlich der Spin der hiesigen Medien, die sie als launige Sammlung von Klatsch- und Tratschgeschichten abhandeln. Den Einblick in die mafiöse / stasiöse Art, wie US-Vasallen (vulgo befreundete Staaten und deren Politiker) unter Druck gesetzt und manipuliert werden, wirst du nicht im SPIEGEL finden.

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