7. April 2010

Was OZ-Leser nichts anzugehen hat

Heute berichtete die OZ über die Erschießung von Zivilisten in Bagdad. Wichtige Details wurden nicht genannt, was zu einer Rechtfertigung des Vorfalls geriet:
Schock-Video aus dem Irak: „Wir schießen noch ein paar mehr“
Fast drei Jahre nach einem tödlichen Angriff eines US-Kampfhubschraubers auf Zivilisten und zwei irakische Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters sorgt ein im Internet aufgetauchtes Video der Attacke für Aufsehen. Die in dem Webportal wikileaks.org veröffentlichten, dramatischen Aufnahmen der Bordkamera zeigen, wie der Apache-Helikopter immer wieder auf Menschen am Boden feuert — sogar dann, als ein Kleinbus Verletzte bergen will. Die beiden Reuters-Mitarbeiter wurden wegen der mit langen Objektiven versehenen Kameras um ihre Schultern von der Besatzung fälschlicherweise als Aufständische mit Kalaschnikows gehalten.

Festgehalten sind auch die teils drastischen Dialoge zwischen Cockpit und Kommando. „Wir schießen noch ein paar mehr“, sagt ein Besatzungsmitglied. „Kommt schon, lasst uns schießen.“ Insgesamt starben bei dem Angriff vom Juli 2007 zwischen 12 und 15 Menschen, berichtete der US-Fernsehsender CNN gestern. ...
Woher der Sender das wohl wusste? Na klar, aus dem Video, das Wikileaks veröffentlicht hatte.
Unmittelbar nach dem Vorfall 2007 war das Militär zu dem Schluss gekommen, dass den Soldaten kein Vorwurf zu machen sei, weil die Aufständischen oft ihre Angriffe zu Trainings- und Propagandazwecken filmten. Die Reuters-Mitarbeiter hätten sich „unter die Aufständischen gemischt“, hieß es in dem Bericht.
Es ist völlig klar, das sich niemand in der OZ die Mühe machte, das Video anzuschauen, und das, was zu sehen und zu hören war, journalistisch aufzuarbeiten. Lieber wurde kopiert, der alltägliche Hochwertjournalismus.

Wer das Video nicht gesehen hat und also Bunkerbewohner ist, kommt zu dem Schluss, dass

1. er weiterhin keine Ahnung hat, wer und was Wikileaks ist (Das ist von der OZ so gewollt, denn Wikileaks übertrifft inzwischen alle Agenturen, wenn es um das Aufdecken von Schweinereien geht - und das im bösenbösen Internet. Normal wäre, die OZ würde über den Verlag an Wikileaks spenden, damit mehr veröffentlicht wird).

2. die beiden Reporter selbst Schuld waren, dass sie nun tot sind.

3. die Männer, die einen Verwundeten bergen wollten, auch selbst Schuld waren, dass sie schwer verwundet wurden. Die OZ verschweigt, dass die beiden Männer unbewaffnet waren und in dem Kleinbus, in dem sie vorfuhren, zwei Kinder saßen, die ebenfalls verwundet wurden.

4. amerikanische Geheimdienste in diesem Fall versuchten, mit massiven Drohungen gegenüber WikiLeaks die Veröffentlichung des brisanten Dokuments zu verhindern. 

5. dass Wikileaks die Veröffentlichung eines weiteren Video angekündigt hat, dieses Mal von einem Massaker in Afghanistan.

Das alles hat Bunkerbewohner nichts anzugehen - weil es zeigt, wie abgehängt, wie überflüssig sog. Journalismus nach Art der OZ längst ist.

Dazu gibt es hier etwas zum Nachdenken, außer für OZ-Redakteure:
Wikileaks: Institutionenbeben durch Video-Veröffentlichung

Die Veröffentlichung des Irak-Videos durch Wikileaks ist keine “Schande” für die klassischen Medien, sondern eine logische Folge des veränderten Öffentlichkeitssystems. ...
“Schande” und “Bankrotterklärung” sind wohl zu harsche Formulierungen. Ganz sicher aber steht auch die Veröffentlichung am Montag auf Wikileaks für ein Institutionenbeben in der Medienlandschaft. Jahrzehntelang hatten hierzulande etwa der Spiegel und wenige andere ein Oligopol auf Whistleblowing. Informanten konnten nur zu ihnen gehen. Diese Medien saßen am Flaschenhals der Veröffentlichung indiskreter Dokumente. Das ist nun vorbei. Die Zahl der Stellen, bei denen man derartige Videos abgeben kann, ist explodiert. Und viele der neuen “Outlets” haben sogar noch den Vorteil größerer Unabhängigkeit von der Macht als die klassischen Medien. Damit ist der Nimbus der Whistleblower- und Recherchemedien dahin. Der Fall vom Montag macht dies nur noch einmal sehr deutlich. Er ist daher keine “Schande” für die klasssichen Medien, sondern eine logische Folge der Systemveränderungen durch das Internet – und damit auch sein Anzeiger. ...

3 Kommentare:

  1. Anonym7.4.10

    Es ist einfach nicht zu fassen.
    Warum fragt niemand nach dem Sinn des Krieges? Was haben die Amis da auch heute noch zu suchen?
    Wie wollen sie die 1000 000 toten Zivilisten rechtfertigen?
    Warum ist das kein Thema für die Bundesregierung?

    Was die US-Soldaten betrifft, ja mit wem kann man sie gleichstellen?

    Wenn ich heute lese, das Weise Haus ist geschockt über das Video, könnte ich kot... .

    Vor einiger Zeit kam mir ein Buch in die Hände, das zeigt, wie die Soldaten beeinflusst werden, damit sie töten können.
    Es ist einfach so, die Menschen müssen diejenigen hassen lernen, damit sie leichter töten können.
    Das wusste schon Hitler und es hat mit den Deutschen doch bestens funktioniert.

    Kurze Ausszüge aus dem Buch

    "Verraten und Verkauft - Briefe von der Front"

    Hier schreibt Kyle Waldmann am 27.02.2004:

    Zu Beginn des Krieges schien Amerika das irakische Volk nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Feinde zu behandeln. Ein perfektes Beispiel dafür war der Missbrauch von AAFES (dem Army-Supermarkt) als Propagandamaschine, indem man dort T-Shirts und Kaffeebecher anbot, die sich über den Irak und sein Volk lustig machten.

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  2. Anonym7.4.10

    Ein Chris F., geschrieben am 6.05.2004 fragt:

    Wohin geht das Öl?

    Lieber Mr. Moore,
    ich war vom 01.April 2003 bis zum 23.März 2004 im Irak. Als der Krieg ausbrach, hatte ich noch nicht einmal das Standard-Quantum Munition für Kampftruppen erhalten.
    Wir chauffierten irakische Stadtbusse voller feindlicher Kriegsgefangener durchs Land und versuchten zu kapieren, warum wir in einem frisch eroberten irakischen Stützpunkt keine Massenvernichtungswaffen finden konnten......
    Ich wollte nur sagen, dass die meissten in meiner Einheit die Nationalgarde verlassen wollen und für die gegenwärtige Regierung nie mehr eine Waffe in die Hand nehmen werden. Wir zogen los und dachten, dass wir das irakische Volk und das Volk der Vereinigten Staaten vor dem Terrorismus schützen würden.

    In Wahrheit sind wir die Terroristen.

    Oh, bevor ich es vergesse, sagen Sie mir doch bitte eines:

    Die US-Soldaten eskortieren über 100 Öltankwagen am Tag aus dem Irak hinaus. Wohin geht das Öl?

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  3. Ein starker Briefschreiber!
    Hier eine Ergänzung aus einem Eintrag des Spiegelfechters, dessen Blog ich nur als Lektüre empfehlen kann, denn dort, nicht in der OZ, erhalten Sie Hintergrund - und dies:

    ... Wer Soldaten nach Afghanistan schickt, kalkuliert eigene Verluste und sogenannte „Kollateralschäden“ mit ein. Wenn die Bundesregierung denn gute Gründe hat, „unsere Jungs“ in den Tod zu schicken und zu Kollateralschädlingen werden zu lassen, so kann sie dies als souveränes Organ mit Legitimation des Wählers auch machen. Aber dann soll sie auch erklären, wofür „unsere Jungs“ sterben und was sie am Hindukusch eigentlich will. An Demokratie, Menschenrechte, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – die Errungenschaften des Feminismus glaubt auch das „umgangsprachliche“ Wahlvieh nicht mehr.

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/2314/sackgasse-im-%e2%80%9eumgangssprachlichen%e2%80%9c-krieg

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