9. Januar 2008

Dreckige Industrie verdirbt Tourismus für Jahrzehnte

Prof. Helmut Klüter, Geograph an der Universität Greifswald notierte u.a. zum Thema Steinkohlekrafterk Lubmin:

Entwicklungsziele für das Östliche Mecklenburg-Vorpommern im Zusammenhang mit dem geplanten Steinkohlekraftwerk:

„Das Östliche Mecklenburg-Vorpommern (bietet) der Bevölkerung und den Unternehmen die Vorzüge einer hoch mobilen…städtischen Dienstleistungsgesellschaft vor ländlicher Kulisse. Dabei schließt die ländliche Kulisse Freizeitmöglichkeiten von höchstem Standard ein – vor allem an der Küste und auf der Mecklenburgischen Seenplatte.“ (Wirtschaftsatlas Vorpommern und Mecklenburgische Seenplatte 2005, S. 110)

Damit sind Greifswald und einige andere Orte bisher sehr gut gefahren.- wie uns die Prognos-Studie bestätigt hat. Von diesem erfolgreichen Leitbild sollte man nur dann abweichen, wenn es gewichtige Gründe dafür gibt. Die Frage, wie sinnvoll so etwas ist, beantwortet die Geographie mit der Strategie des Regionalvergleichs.

Klüter vergleicht Lubmin mit Brunsbüttel:

Brunsbüttel hat13.700 Ew. mit abnehmender Tendenz. ...

Die Entwicklung ist ähnlich verlaufen wie es für Lubmin geplant ist: Ein Kraftwerk – in diesem Fall Kernkraft – wurde errichtet und lockte mit billiger Energie Chemiebetriebe an. Die größten sind eine Bayer-Filiale, Sasol-Filiale mit 540 Mitarbeitern (Stammsitz Johannesburg). Brunsbüttel rechnet für 2007 mit einem Gewerbesteueraufkommen von 3,8 Millionen € (2003: 43,7 M€, 2004: 6,2 M€, 2005: 5,9M€, 2006: 14,6 M€). Im Gewerbesteueraufkommen gibt es extrem starke Schwankungen. Der Verwaltungshaushalt beläuft sich auf 25,1 , der Vermögenshaushalt auf 13,7 Millionen €. Der Haushaltsloch in diesem Jahr wird durch Rückgriff auf Rücklagen (5,4 Millionen €) finanziert.

Die ortsansässigen Unternehmen sind häufig von den „Großen“ abhängig und können ebenfalls keine unabhängige Standortentwicklungspolitik betreiben. Das Industrieprofil von Brunsbüttel geht eindeutig in Richtung Dirty Industries. ... Produktionen, die aufgrund ihrer Emissionen und anderer Störfaktoren an großstädtischen Standorten unerwünscht sind. Mit einem solchen Profil müsste man auch in Lubmin rechnen. Die Standortwerbung Brunsbüttel hat aus ihrer Not eine Tugend gemacht und wirbt damit unter: http://www.chemcoast.de. Darin arbeiten auch Stade und Wilhelmshaven mit. ...

Resumé: „Mit dem Wegbrechen einer der wichtigsten Einnahmequellen des Wirtschaftsstandortes Brunsbüttel, der Gewerbesteuer, Ende der Neunziger, suchte man diesseits nach einer Lösung zur anderweitigen Stärkung des Standorts. Wie vielerorts entschied man sich für die Entwicklung des Tourismus, insbesondere des Tagestourismus. Wenn gleich die Industrieansiedlungen sich mittlerweile wieder positiv entwickeln, so hält die Stadt aufgrund der in den letzten Jahren gewonnenen positiven Erkenntnisse weiterhin an der Belebung des Tourismus in Brunsbüttel und der gesamten Region fest.“ (Stadtverwaltung Brunsbüttel. Verwaltungsbericht 2006; S. 49).

Ich bitte zu beachten, dass dies ein Ort schreibt, der den Industrialisierungspfad, der hier von DONG vorgeschlagen wird, bereits erfolgreich beschritten hat. Das, was die Kraftwerksfraktion für Lubmin in der grammatischen Zeit Zukunft beschreibt, das ist für Brunsbüttel Vergangenheit.

Küter vergleicht die Übernachtungen in beiden Regionen und schlussfolgert:

Gehen wir davon aus, dass ein Übernachtungstourist etwa 50€ pro Tag in Lubmin ausgibt, dann erhält der Ort auf diese Weise bereits 2,05 Millionen €. Berücksichtigt man, dass die offiziellen Tourismusdaten die Übernachtungen in Häusern mit weniger als 9 Betten nicht erfassen, rechne ich in meinem Beispiel mit 55.000 Übernachtungen. Das ergibt dann 2,75 Millionen € - ohne Tagestouristen. Zählen wir sie gleichfalls hinzu, bringt der Tourismus allein nach Lubmin (ohne Umland) bereits mehr Geld, als die relativ gut entwickelte Industriestruktur in Brunsbüttel heute als Gewerbesteuer an die Stadt abführt.

Gehen wir davon aus, dass ein industrialisiertes Lubmin für Touristen so attraktiv ist wie heute Brunsbüttel, dann gibt es bei (884 Übernachtungen auf 1000 Einwohner) statt 41.000 nur noch 1734 Gästeübernachtungen (in Häusern mit mehr als 9 Betten).

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