Wenn Sie noch eines Beweises für die Einfallslosigkeit in der Mantelredaktion bedürfen (sie steht da vielen anderen nicht nach) - hier ist er, eine Seite voller Aussagen von Menschen, wie sie den 9. November vor 20 Jahren erlebten:
Mein 9. November
Es gibt sie, diese Tage, an denen Geschichte eins wird mit persönlichen Geschichten. Es sind Tage, von denen können wir noch Jahrzehnte später erzählen, was wir machten, was wir dachten, was wir fühlten. Zu ihnen zählen der 12. April 1961 (Juri Gagarin ist der erste Mensch im Weltall), der 21. Juli 1969 (mit Neil Armstrong betritt der erste Mensch den Mond) oder der 11. September 2001 (Terrorangriff auf die Türme des World Trade Center New York). ...
Natürlich musste auch ein Kommentar her:
Zum 20. Jahrestag des Falls der Mauer
Wir hatten großes Glück
Allein schon der Begriff
Fall der Mauer ist Quatsch, denn sie fiel nicht am 9. November wie laut Bibel die
Mauern von Jericho (was übrigens auch bezweifelt wird). Es wurden mehrere Grenzübergänge geöffnet - für mich ein großer Unterschied.
Der langweilige Kommentar endet so und da erwachte ich aus meinem Halbschlaf:
Jedoch, es fiel kein einziger Schuss. Und es wurde später auch kein einziger Funktionär gelyncht. Wir hatten großes Glück!
Es war eine echte Volksbewegung entstanden, ganz ohne Bonzen, die Leute zu irgendetwas angestachelt hätten. Ganz allein deshalb, weil sich die Menschenmassen nicht hineinreden ließen, weil sie keinen Ärger machen, sondern nur ihre Wünsche durchsetzen wollten, und weil sich anfangs viele kluge Leute und eben
keine machtbesessenen Bonzen an die Spitze begaben, blieb alles friedlich. Und nicht zu vergessen, weil viele Offiziere und Soldaten, Polizisten im Geiste längst auf der Seite der Protestierenden standen. Das hat nichts mit Glückgehabt zu tun. Dass nicht gelyncht wurde, ist damit zu erklären, dass kein Bonze die Massen dazu aufhetzte. Die hatten sich verkrochen und warteten ab. Die Leute hätten sich auch nichts mehr von Bonzen sagen oder einreden lassen, sondern setzten einfach durch, was sie wollten.
Der Kommentator erweckt jedoch den Eindruck, als hätten die Massen Glück gehabt, obwohl ihnen keine Bonzen vorstanden. Dass die Bonzen dann aus ihren Löchern krochen, als alles klar war, das aufbegehrende Volk dann doch ausnutzen konnten und es (oder ihre Nachfolger) bis auf den heutigen Tag auch tun, zeigt nur, dass es sich, wie stets in der Geschichte Deutschlands, wenn überhaupt, um eine unvollendete Revolution handelte.
Die wenige Tage nach der Grenzöffnung in die DDR einfahrenden Lkw mit Bananen, Brühwürfeln und Zeitungen werfenden Leuten darauf, später das 100-Mark-Geschenk, lähmten schnell den Willen und lockten die Massen den Bonzen entgegen, zeigt aber sehr schön, dass die Massen seit der Antike allein mit Brot und Spielen beherrscht werden können.
Ich schlage Ihnen statt der Allerweltslangeweile vor, eine
Glosse zu lesen, oder
nachzulesen, wie groß die Unterschiede zwischen Ost und West immer noch sind.
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20 Jahre Mauerfall
Der Ruf des Bankers nach Revolution
Edgar Most war Spitzenbanker in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland. Er kennt beide Systeme - und sagt, es sei Zeit für den nächsten Wechsel. ...
Ich stimme jedoch nicht allem zu, was Most äußert.