21. März 2012

Kaum des Schreibens wert (aktualisiert)

Kurz und knapp:
Im Nordosten steigt Zahl der Schwerbehinderten
Mehr als 90 Prozent der Arztpraxen in Mecklenburg- Vorpommern sind für Rollstuhlfahrer nicht oder kaum zu erreichen. Das Ausmaß hat sie überrascht, sagte Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) ...
Vielleicht hätte die Ministerin sich schon früher erkundigen sollen. Dann wäre zumindest sie nicht überrascht gewesen. Rollstuhlfahrer können mit solchen Zahlen nämlich nicht überrascht werden.

Hier noch ein Zitat aus dem Bericht, den die überraschte Ministerin vorgestellt hatte (Der Bericht wurde im November 2011 fertiggestellt.):
In  Mecklenburg-Vorpommern sind mehr als 90 Prozent der Arztpraxen der  Fachrichtungen  Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Kinderheilkunde,  Frauenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Augenheilkunde, Radiologie, Urologie, Zahnmedizin sowie Psychiatrie und Psychotherapie (und Orthopädie?) nicht rollstuhlgerecht und rund 99 Prozent der Praxen nicht barrierefrei ... Schlusslicht bildet mit vier Prozent die kreisfreie Stadt Greifswald. ...
Der Anteil der barrierefreien Praxen liegt über alle Fachrichtungen hinweg  zwischen null und zwei Prozent.
Die KV M-V hält die Zahlen für falsch, teilt das Nordmagazin mit. Zwei Drittel der Praxen sollen per Rollstuhl erreichbar sein.

Die OZ weiter:
Barrierefreiheit (Was denn nun, barrierefrei oder rollstuhlgerecht?) ist eine Voraussetzung für die angestrebte Integration Behinderter. ...
Ahja, Integration also. Wer auch immer das nachplapperte, ist mit der Ministerin nicht auf der Höhe der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen:
Während in Deutschland nach wie vor in vielen Bereichen von Integration gesprochen wird, spricht die UN-Konvention jeweils von Inklusion (in Österreich enthielt der Behindertenbericht 2008 den Begriff Inklusion[7]). Es geht nicht mehr nur darum, Ausgesonderte zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang zu ermöglichen. Dabei soll ihre Autonomie und Unabhängigkeit entsprechend des Prinzips Independent living (dt. Unabhängiges Leben) gewahrt bleiben: Die Betroffenen haben nicht die Aufgabe, ihre Bedürfnisse an (angebliche) gesellschaftliche Notwendigkeiten anzupassen, sondern die Gesellschaft hat die Aufgabe, sich auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzustellen.
Unter den Allgemeinen Grundsätzen (Art. 3) heißt es in der Konvention:

„Die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft.“„Die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit.“
Es sind also keine Geschenke an Behinderte zu verteilen oder auch nicht oder nur wenige, sondern es ist eine UN-Konvention (von D. 2009 ratifiziert) zu erfüllen.
Im Land wird also massiv gegen den Artikel 25 der UN-BRK verstoßen (S. 1438) - u.a. von Ärzten. Nicht zu vergessen, dass D. ein sog. Antidiskriminierungsgesetz hat.

Kommentare:

  1. Anonym21.3.12

    Löblich, was die UN-Konvention und das Antidiskriminierungsgesetz von D. fordern, vor allem dieser Satz:

    "Die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit."

    Wie sieht es denn tatsächlich aus mit der Akzeptanz der menschlichen Vielfalt?
    Wird nicht in Wirklichkeit schon alles versucht, um eine menschliche Vielfalt zu verhindern? Sind die Genetiker nicht auch heute noch ganz furchtbar am Werkeln?

    Es gibt bspw. ein Charakteristikum, welches aber von der Medizin als Krankheit eingestuft wurde. Das ist das Downsydrom oder Trisomie 21-Chromosomenstörung oder auch nicht, ich meine die Störung.
    Warum können diese Menschen nicht einfach nur als das, was sie sind,betrachtet werden?
    Es sind Menschen, nur anders.

    Auf www.family.de erschien ein wirklich sehr lesenswerter Bericht von einer Ärztin:

    "Bei Verdacht auf Downsyndrom werden heute schon gut 90 Prozent der Kinder abgetrieben und das aufgrund einer Verdachtsdiagnose, weil die Eltern unwissend sind oder aus Angst vor Überforderung und/oder gesellschaftlicher Stigmatisierung.

    Durch einen neuen Bluttest wird die Zahl der Abtreibungen steigen.. Dr. Ute Buth, Frauenärztin und Fachberaterin beim Weißen Kreuz plädiert für die Rückbesinnung auf den Wert jedes einzelnen Lebens.

    Menschen mit Downsyndrom haben eine andere Art, an das Leben heranzugehen. Sie lachen viel und sind in manchem bedächtiger als der hektische Ottonormalverbraucher des 21. Jahrhunderts. Viele Familien empfinden ihre Kinder mit Downsyndrom aufgrund deren Lebensfreude als eine echte Bereicherung, was nicht bedeutet, dass Eltern nicht auch vor besonderen Herausforderungen, etwa bei Begleiterkrankungen, stehen würden.

    Die Problematik des Bluttests

    Nun wird es noch einfacher werden, einen Verdacht auf Downsyndrom mit allen Konsequenzen in die Welt zu setzen. Es ist zu befürchten, dass durch den Test nicht nur die Abtreibungen aufgrund des Downsyndroms zunehmen werden, sondern auch der Druck auf Schwangere, sich zu dieser vermeintlich "einfachen" Diagnostik auf jeden Fall zu unterziehen."

    Und das glaube ich der Ärtzin. Der Druck wird steigen und jede Frau, die ein Kind mit Downsyndrom auf die Welt bringt, kann sich auch Sprüche anhören, wie diesen: "Das muss doch in der heutigen Zeit nicht mehr sein, wo man alles testen kann."

    Übrigens hat ein Forscherteam 230.000,00 € Fördergelder vom Bundesforschungsministerium für die neue Art (Bluttest) der vorgeburtlichen Diagnose erhalten.

    www.fr.online.de schrieb auch zu dem Thema und viele andere.

    Unter www.hilferuf.de las ich einen LB:

    "Bluttest gegen Downsyndrom-warum schreit keiner auf?
    Mir fehlen die Worte-ich hab mit Downies gearbeitet, sie sind liebenswert und absolut lebenstüchtig und -fähig."

    ein anderer LB

    "NOCH sind diese Tests ja Gott sei Dank freiwillig-NOCH!, wobei man heutzutage schon viel Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein braucht um zu sagen: "Nein, ich will das alles nicht. Ich will einfach nur unbeschwert schwanger sein und mein Kind austragen."

    Da hat die LB-Schreiberin Recht und viele Ärzte wollen das einfach nicht verstehen und akzeptieren.

    Die besten Konventionen aus Buchstaben auf Papier nützen nichts, wenn in Wahrheit die Grundeinstellung der Menschen in der Gesellschaft fehlt und der o.g. Bericht ist nur ein Beweis dafür.

    G. Bieck

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  2. Anonym22.3.12

    um das Jahr 1940: *Aktion T4*

    im 21. Jahrhundert: *Pränataldiagnostik*

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